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Ich stand in dunkeln Träumen

Und starrte ihr Bildnis an,
Und das geliebte Antlitz
Heimlich zu leben begann.

 

Um ihre Lippen zog sich
Ein Lächeln wunderbar,
Und wie von Wehmutstränen
Erglänzte ihr Augenpaar.

 

Auch meine Tränen flossen
Mir von den Wangen herab -
Und ach, ich kann es nicht glauben,
Daß ich dich verloren hab! 
(Heinrich Heine) 

 

 

Das Lied – in England unübersetzbar The Lied genannt – ist eine Entdeckung, ja vielleicht sogar eher eine Erfindung der deutschen Klassik und Romantik. Der Begriff beschreibt mehr als die prosodische Verbindung von Text und Melodie, derer wir schon mit dem Beginn von Sprache überhaupt versichert sein können und die uns in kunstvollen Beispielen etwa aus Renaissance und Barock gegenübertritt. Lied – damit ist seit etwa 1810 etwas grundsätzlich anderes gemeint: Mit einem Mal ist ein Gedicht nicht einfach mehr Gegenstand der Vertonung, nicht mehr nur Inspiration einer umschriebenen Klanginsel oder Folie einer emotionalen Schwingung.

Das Lied ergreift Besitz vom Text in emphatischer Endgültigkeit und alternativloser Sinngebung, es schreibt den Text weiter und verwandelt ihn sich an – bis zur untrennbaren Amalgamierung, die dem Zuhörer unauflöslich erscheinen muss. Dieser hochkreative Prozess der Einverleibung von Lyrik durch Musik hat eine große Zahl genialer Werke hervorgebracht – wenn auch durchaus nicht immer nur zur Freude der Dichter. Jedoch: Vieles, was in unserem literarischen Gedächtnis verankert ist, wäre wohl ohne Liedvertonungen von Schubert, Schumann oder Brahms kaum lebendig geblieben. Welche Gedichte würden wir kennen von Friedrich Rückert – ohne Gustav Mahler? Was von Mörike ohne Hugo Wolf? Ja, würde wirklich noch jemand Goethe folgen wollen in das Land, wo die Zitronen blüh’n, ohne die kongenialen Vertonungen von Schubert und Wolff? Und dann die vielen Poeten, deren Nachruhm verebbte, deren Gedichte vielleicht noch in Anthologien ein blasses Nachleben führen: Chamisso, Freiligrath, Seidl, Müller, Tieck, Uhland, Groth, ja selbst von Platen, Hebbel und Lenau. Ihre Gedichte erwachen durch ein metaphysisches Nachleben im Lied immer wieder zur blaublumigen Schönheit einer neuen Existenz. Nicht nur hierzulande, sondern weltweit.

Dem wachsenden Interesse an der lange Jahre vernachlässigten Gattung Lied wollen wir mit dem zweiten Liedfestival Kassel Rechnung tragen. Schon das erste Festival war im letzten Jahr ein voller Erfolg. Die künstlerische Qualität des piano.voce.ensembles aus Kassel, die abwechslungsreichen Programme in gemischten Besetzungen und die bedachte Auswahl der Lieder überzeugten Publikum und Kritik in hohem Maße, so dass von vielen Seiten der Wusch nach einer baldigen Wiederholung laut wurde.

 

Veranstalter: Konzertverein Kassel in Kooperation mit dem piano.voce.ensemble